Volkhard Böhm

Ein Lob der Druckgraphik – Das Graphik-Collegium Berlin e.V.

Was war das wieder für ein Rummel in diesem Jahr 2017 anlässlich 500 Jahre Reformation. Mehr oder weniger wurde dabei auch der Entdeckung des Buchdrucks wenige Jahre vor Luthers Thesenanschlag und der Blüte der Druckgraphik in dieser Zeit gedacht. Ohne beide Ereignisse hätten sich das reformatorische und auch das humanistische Gedankengut nicht so schnell verbreiten können. Denn es war die Zeit eines Schongauer, eines Cranach, eines Dürer, der zum Nürnberger Humanistenzirkel gehörte und dessen Kunst sogar die großen italienischen Renaissancekünstler faszinierte, und Anderer, die damals auch eine „Revolution“ der Kunst entfachten. Nicht umsonst nennt man diese Zeit nach ihrem Bedeutendsten „Dürerzeit“.

Es war eine Hochzeit der Druckgraphik und ihr Ruf als demokratischste Kunst wurde begründet. Immer wieder haben gerade auch die Künstler der Druckgraphik in gesellschaftliche Debatten eingegriffen oder diese angestoßen, gesellschaftliche und politische Missstände benannt. Man denke an Goya, Daumier, die Kollwitz, Staeck oder Butzmann.

Die Kunst der Graphik, in der meist die Linie das Bestimmende ist, ist anders als die der Malerei: stiller, subtiler, meist kleiner im Format. Wie Dürer haben Bildkünstler aller Zeiten sich der Kunst auf Papier verschrieben, sie zur Meisterschaft getrieben und unvergessliche Werke hervorgebracht.

Von Rembrandts Radierungen war der italienische Barockmaler Guercino so begeistert, dass er 1660 an Don Antonio Ruffo, einen sizilianischen Aristokraten und Kunstliebhaber, schreibt: „Ich habe verschiedene seiner Druckgraphiken gesehen, die zu uns gelangt sind; sie sind sehr schön ausgeführt, mit großem Feingefühl und Sachverstand gestochen …“ Rembrandts Graphiken haben Künstler wie van Gogh oder Picasso und Kunstliebhaber über die Jahrhunderte begeistert. Bis heute haben sie nichts von ihrer Faszination verloren. Er hat nicht nur virtuos auf der Klaviatur der Radierung gespielt, er hat auch das Malerische in die Graphik eingeführt und war damit der erste Peinture Graveur. Und seine Graphik hat ihn zuerst überregional bekannt gemacht, nicht seine Malerei.

Ja, man kann sich schon berauschen an der Sprache der einzelnen Möglichkeiten der vier klassischen Drucktechniken, deren Schönheit, aber auch an der Bescheidenheit und der Sparsamkeit ihrer Mittel.

„… fast möchte ich Dich zum Holzschneiden verführen, es ist eine Technik, die zum Bekenntnis herausfordert, zum unmissverständlichen Darlegen dessen, was man letztlich wirklich meint. Es, oder vielmehr sie, erzwingt eine gewisse Allgemeingültigkeit des Ausdrucks und weist die unwichtigen Wirkungen bequemer und der Gefälligkeit dienender Verfahren zurück“ – schreibt Ernst Barlach in einem Brief[1]. Klar und entschieden, kurz und knapp in der Form aber auch eindrucksvoll in der zarten Maserung der Holzstruktur können sie sein, die Blätter der Holzschneider. Zart strukturiert sind die bezeichneten Flächen der Lithographie durch die Körnigkeit des Steins, während sie im Siebdruck meist klar konturiert bleiben.

Im Tiefdruck ist die gestochene Linie des Kupferstichs, ob gleichmäßig oder an- und abschwellend, prägnant und nüchtern. Die Linie mit der kalten Nadel wird in der Kaltnadelradierung dagegen samtig und weich. Die geätzte Linie steht zwischen beiden und die diffizilen Stufen der Aquatinta bringen eine Art Farbigkeit ins Bild ohne jede Farbe.

So hat jede druckgraphische Technik ihre eigene, unverwechselbare Sprache.

Die Künstler des Graphik-Collegiums widmen sich zum Teil seit vielen Jahren dieser Kunstform in den Kursen und Workshops des Studio Bildende Kunst in Berlin-Lichtenberg. Viele von ihnen erlernten in der Druckwerkstatt im Keller dieser Art-Deco-Villa die Grundlagen der Technik. Professionelle Künstler kamen hinzu, die dort ihre Werke druckten. 2015 formierte sich ein Großteil von ihnen zu einem gemeinnützigen eingetragenen Verein. Mitglieder kamen auch aus den Zeichenkursen des Hauses, die teilweise auch in der Druckwerkstatt wirkten. In diesem Zusammenspiel von Zeichnung und Graphik liegt eine tiefe Logik, denn beide lassen sich nicht trennen. Die Zeichnung ist die individuellste, intimste und spontanste Kunstäußerung der bildenden Künstler. Und sie geht meist allen anderen Kunstäußerungen voraus. Unterschiede ergeben sich nur aus dem Material. Die Linie durch Bleistift und Kreide ist weicher als durch die Radiernadel. Und selbst dieser Unterschied scheint minimal, da deren Linien durch tiefes Ätzen und kräftigen Farbauftrag fast immer einen tonigen Charakter haben können.

In den Kupferstichkabinetten der großen Museen sind die Sammlungen der Zeichnungen und Druckgraphik vereint. Und Graphik kommt aus dem Griechischen graphikḗ und heißt Schreiben oder Zeichnen.

Zweck des Vereins ist die Förderung von Kunst und Kultur. Er widmet sich insbesondere der zeitgenössischen künstlerischen Druckgraphik – so steht es in der Satzung des Graphik-Collegiums.

Zwar äußern sich viele Mitglieder dieses Vereins auch in anderen bildkünstlerischen Techniken, aber entsprechend der Möglichkeiten im Studio Bildende Kunst mit seiner Tiefdruckwerkstatt widmen sie sich hier ausschließlich den Tiefdrucktechniken.

Die Radierung, als das wichtigste Tiefdruckverfahren, wurde oft leicht schwärmerisch als die Königin unter den druckgraphischen Techniken oder als aristokratische druckgraphische Technik bezeichnet.

Herbert Tucholski, einer der Hauptmeister der Berliner Druckgraphik, schreibt in seiner leider nicht veröffentlichten „Technik der Radierung“: „Die Radierung, ein Tiefdruckverfahren, übertrifft an Vielfalt der Ausdrucksmittel alle grafischen Techniken.“ – oder an anderer Stelle: „Die Technik der Radierung ist bis heute nicht veraltet; sie bietet unendliche Variations- und Kombinationsmöglichkeiten, ganz abgesehen von dem ständigen Zuwachs an neuem Material, das zu erfinderischen Experimenten anregt.“ In der Tat hat der Tiefdruck, als das zweitälteste druckgraphische Verfahren die weiteste und kontinuierlichste Verbreitung gefunden.

„Der Graveur (Kupferstecher/Graphiker) setzt eine Welt in Bewegung, erweckt Kräfte, die die Formen aufblähen, fordert Kräfte heraus, die in einem flächigen Universum schlummern. Herausfordern, dies ist seine Art zu schaffen.“[2] – schreibt der französische Philosoph Gaston Bachelard. Und er fährt fort: „… jeder Stich zeugt von einer Kraft. Jeder Stich ist eine Träumerei des Willens, bezeugt die Unschuld des konstruktiven Wollens.“[3]

Die einfachste Form aller Tiefdrucktechniken ist die Kaltnadelradierung, von vielen der Künstler des Graphik-Collegiums verwendet. Sie ist direkt und fordert den kräftigen, zupackenden Griff. Hart muss die Nadel durch das Metall reißen. Linien und Linienstücke formen die Bildmotive, Schraffuren schaffen Flächen, die manchmal wie selbständig wirkende Partien neben den Formen und Figuren stehen, ästhetische Pendants sind. Andere Tiefdrucktechniken fordern dagegen eher die ruhige und bedächtige Hand.

Das wohl häufigste Bildmotiv der Künstler und Künstlerinnen des Graphik-Collegiums ist die Landschaftsdarstellung. Sie symbolisiert Sehnsucht, Geborgenheit, jahreszeitliche Abläufe, damit aber auch die Darstellung von Werden und Vergehen. So ist es auch mit diesen Bildern der Künstler des Graphik-Collegiums, gefunden auf Reisen in die Umgebung Berlins, immer wieder an der Ostsee oder in den Urlauben in ferneren Gegenden. Ernst Barlach schreibt über diese Motive: „Die Natur hat Feierlichkeit und Behagen, Groteskes und Humor oft in einem Objekt und in einer Linie.“[4]

All diesen Graphiken ist gemeinsam: Es sind realistische Darstellungen, die von der fast nüchternen Schilderung bis in die romantisch-hintergründige Stimmung reichen, episch bis lyrisch.

Ähnliches finden wir in den Darstellungen von Stadtlandschaften, wie in den meist dunklen, den morbiden Charme des alten Berlins atmenden Straßenschluchten und Raumeinblicken. Und Gleiches gilt auch für die Aktdarstellungen. Sie spielen im Schaffen des Teils der Künstlerinnen und Künstler des Graphik-Collegiums eine wichtige Rolle, die insbesondere auch den Aktzeichenkurs im Studio Bildende Kunst besuchen. Die Aktdarstellung ist dadurch bei vielen nicht nur Klärung der bildschöpferischen Gestaltung und von Proportionszusammenhängen, von der Wirkung von Licht und Schatten, sondern wird mehr eigenständiges Motiv für die Darstellung menschlicher Schönheit, von menschlichen „Haltungen“ und „Charakteren“.

Wie ein Gegenentwurf dazu wirken die stark abstrahierten, oft bis zur Gegenstandslosigkeit getriebenen Bilder, ob nun sparsam im Gegeneinander oder im Zusammenwirken von Linie, Fläche und Farbe, ob als druckgraphisches Feuerwerk inszeniert, dramatisch hintergründig zugespitzt oder konstruktiv aufgefasst. Es sind diese Bilder, die die Phantasie des Betrachters in besonderer Weise fordern und anregen.

Alle Künstlerinnen und Künstler zusammen aber, also das gesamte Graphik-Collegium, sind wie ein vielstimmiges, durchaus harmonisch musizierendes Orchester mit einem beeindruckend breiten Repertoire.

Spielte die Druckgraphik im Osten Deutschlands im Konzert der Künste noch eine wichtige Rolle, ist es in den letzten Jahrzehnten im vereinigten Deutschland still geworden um sie. In den großen Kunstausstellungen zur Gegenwartskunst ist sie kaum bis gar nicht vertreten. Umso wichtiger ist das Wirken solcher Vereine, wie dem Graphik-Collegium und seiner Künstlerinnen und Künstler.

Denn die Faszination der Druckgraphik ist zeitlos. Etwas Altehrwürdiges schwingt mit in den graphischen Blättern, allein schon durch die Wahl der Papiere vom Bütten mit Wasserzeichen und „gerissenem“ Rand bis zum strukturierten, durchscheinenden Japanpapier. Und immer wird noch mit der gleichen Technik mit den gleichen Werkzeugen gearbeitet und gedruckt, wie vor Hunderten von Jahren.

Diese Papierstücke, Druckgraphik und Zeichnung, sprechen nicht nur über Linie, Fläche und Form, ihre technische Ausführung und ihre Darstellung, ob nun figürlich oder gegenstandslos, sie erzählen auch von den Künstlern, die sie schufen, meines Erachtens direkter, individueller als in den anderen Genres der bildenden Kunst.

Schauen wir uns so auch die Werke der Künstlerinnen und Künstler des Graphik-Collegiums an, dann „werden wir uns der ursprünglichen von der Hand angegriffenen Materie bewusst,“ – wie es der französische Dichter Paul Eluard einst über die Kunst des Graphikers Albert Flocons schrieb – „dann erleben wir erneut die List der Säure dem Kupfer gegenüber, die davon so unterschiedlichen Finten der Kerben im Holz, die umsichtige Annäherung an die körnige Oberfläche des Steins, kurz wir erleben die heroischen Zeiten des Graveurs (Kupferstechers/Graphiker) wieder.“[5]

[1] Ernst Barlach, Die Briefe I, 1888-1924, Hrsg. von F. Droß, München 1968, S.430

[2] Gaston Bachelard, Paysages, Notes d’un Philosophe pour un Graveur Albert Flocon, Einführung in eine Dynamik der Landschaft, In Bollmann Bibliothek, Band 4, Die Bücher des Albert Flocon, Düsseldorf und Bensheim, 1991, S. 48

[3] Gaston Bachelard, ebenda S. 49

[4] Ernst Barlach, Die Briefe I, 1888-1924, Hrsg. von F. Droß, München 1968, S.253

[5] Paul Eluard, Perspectives, Albert Flocon, 2. Kapitel, Zum Ruhme der Hand „á la gloire de la main“, In Bollmann Bibliothek, Band 4, Die Bücher des Albert Flocon, Düsseldorf und Bensheim, 1991, S. 37/38


UM:DRUCK vom 24. Oktober 2013: Graphische Spaziergänge in Berlin
von Volkhard Böhm


Biographie

1951 in Unteralba/thüringische Rhön geboren
1971-75 Studium Kunstwissenschaft an der Humboldt-Universität Berlin, Abschluss Diplom
1975-80 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Galerie Berlin des Staatlichen Kunsthandels der DDR
1977-90 Mitglied des VBK/DDR
1977-1979 Mitarbeit an der Nachauflage des Lexikons der Kunst beim Seemann-Verlag Leipzig
1980-2011 Galerieleiter bzw. -mitarbeiter in kommunalen Galerien in Berlin Lichtenberg (Galerie Sophienstraße, Studio Bildende Kunst, Galerie Carlshorst, Galerie im Ratskeller)
Mitglied im Verein Berliner Graphikfreunde INVENTOR e.V.
Mitglied des Aktionskreises Evangelischer Kirchengemeinden „Kinder von Tschernobyl“ https://www.aktionskreis-kinder-von-tschernobyl.de/versteigerungen/
Mitglied des Graphik-Collegiums Berlin e.V.
Konzeption und Mitarbeit an der Konzeption von Ausstellungen und Kunstprojekten
Texte in Kunstzeitschriften (Bildende Kunst, Graphische Kunst, UM:DRUCK), für Kataloge, Ausstellungseröffnungen u.a.